Kolosser 2,16: Sind Sabbat, Feste und Speisegebote abgeschafft?
Dieser Text basiert auf Inhalten von 119 Ministries und wurde von Daniel Wolff zusammengetragen sowie als Artikel verfasst.
Einleitung
Sollten Christen die Gebote Gottes bezüglich des Sabbats, der Feste und der Speisevorschriften halten? Die Antwort darauf hängt davon ab, wen man fragt. Würden wir Jeshua fragen, wäre die Antwort „Ja". In Matthäus 5:17-20 sagt Jeshua, dass das ganze Gesetz bestehen bleibt, solange Himmel und Erde existieren und er ermutigt seine Nachfolger, selbst die kleinsten Gebote zu halten und zu lehren. Das legt nahe, dass er erwartete, dass Christen auch die Gebote zum Sabbat, zu den Festen und was es noch gibt beachten.
Viele moderne Lehrer jedoch, wie John MacArthur, deuten Paulus' Worte in Kolosser 2:16-17 anders. Sie sagen, dass diese Gebote nicht mehr bindend sind. MacArthur erklärt, dass die Vorschriften nur ein Schatten dessen waren, was kommen sollte – die eigentliche Substanz ist Christus. Laut dieser Meinung wäre es sinnlos, sich weiterhin auf die „Schatten" zu konzentrieren, nachdem die „Realität", Christus, gekommen ist.
Was meinte Paulus also wirklich? In diesem Artikel gehen wir der Frage nach, ob die ersten Christen die Gebote Gottes hielten und welche Hinweise der historische Kontext des Kolosserbriefs sowie der griechische Grundtext dazu geben.
Kapitel 1: Haben die ersten Christen die Gebote gehalten?
Gibt es Hinweise, dass die ersten Christen den Sabbat und die Festtage gehalten haben? Beginnen wir damit, festzustellen, wer die Leser des Paulus waren. Das Publikum des Paulus in Kolossä bestand hauptsächlich aus nichtjüdischen Nachfolgern des Messias (Kolosser 1:21; 2:13). Es wird oft angenommen, dass nichtjüdische Gläubige zu dieser Zeit diese Gebote nicht hielten. Aber was sagt das Neue Testament dazu?
Es ist wichtig zu beachten, dass alle ursprünglichen Nachfolger Jeschuas Israeliten waren und alle den Sabbat, die Feste und die Speisegesetze hielten. Sogar Paulus, der Apostel für die Heiden, war ein toratreuer Lehrer. Als Heiden anfingen, ihren Glauben in Jeshua zu setzen und ihm zu folgen, traten sie nicht einer völlig neuen Glaubensgemeinschaft bei. Sie schlossen sich einer messianischen Gruppierung des damaligen Judentums an.
Paulus und das Gesetz
Hat Paulus aufgehört, die Torah zu halten, nachdem er Jeshua folgte? Es gibt keine Beweise dafür, dass er damit aufgehört hätte. Tatsächlich weist das Neue Testament in die entgegengesetzte Richtung. In der Apostelgeschichte und im ersten Korintherbrief sehen wir, dass Paulus selbst weiterhin vollständig toratreu blieb (Apostelgeschichte 21:24) und den Sabbat sowie die Feste weiter hielt (Apostelgeschichte 13:14, 44; 16:13; 17:2; 18:4; 20:6, 16; 27:9; 1. Korinther 16:8).
„Paulus war dem jüdischen Kalender gegenüber überhaupt nicht kritisch eingestellt, sondern richtet sein Leben weiterhin danach aus." – Justin Hardin, Galatians and the Imperial Cult: A Critical Analysis of the First Century (Tübingen: Mohr Siebeck, 2008), 120
Die Gläubigen aus den Heiden
Aber was ist mit den bekehrten Heiden, die Paulus lehrte? Hielten sie auch den Sabbat und die Feste? In der Apostelgeschichte wird wiederholt erwähnt, dass bekehrte Heiden an den Sabbat-Gottesdiensten in den Synagogen teilnahmen (Apostelgeschichte 13:14-15, 26, 43-45; 14:1; 16:13-14; 17:1-4, 10-12, 17; 18:4). Und in Apostelgeschichte 15:20-21, nachdem den neuen bekehrten Heiden des Messias zunächst das Halten von vier grundlegenden Gesetzen auferlegt wurde, deutet der Apostel Jakobus an, dass diese Gläubigen weiterhin die übrigen Gebote lernen und befolgen würden, indem sie an jedem Sabbat die Synagogengottesdienste besuchen und dem Gesetz des Mose lauschen würden.
Darum urteile ich, dass man denjenigen aus den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten auflegen soll, [sondern ihnen nur schreiben soll, sich von der Verunreinigung durch die Götzen, von der Unzucht, vom Erstickten und vom Blut zu enthalten. Denn Mose hat von alten Zeiten her in jeder Stadt solche, die ihn verkündigen, da er in den Synagogen an jedem Sabbat vorgelesen wird.
Es scheint also, dass die Apostel von den bekehrten Heiden erwarteten, eine anhaltende Verbindung zur messianisch-jüdischen Gemeinschaft zu haben und die Tora zu lernen und zu halten.
Das Passahfest in Korinth
Darüber hinaus weist Paulus die Gemeinde von Korinth ausdrücklich an, das Fest des Passah bzw. der Ungesäuerten Brote zu feiern.
So wollen wir denn nicht mit altem Sauerteig Fest feiern, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit ungesäuerten Broten der Lauterkeit und Wahrheit.
Einige meinen, Paulus' Anweisungen seien nur metaphorisch gemeint. Doch historische Belege zeigen, dass viele der überwiegend nichtjüdischen Gemeinden in Asien und Kleinasien im zweiten Jahrhundert n. Chr. das Passahfest am 14. Nissan feierten – zur gleichen Zeit wie die Juden (Eusebius, Hist. eccl. 5.23.1).
Zeugnis der Didache
Ein letzter Beweis ist die Didache, ein frühchristlicher Text aus dem zweiten Jahrhundert. In der Didache verwendet der Autor eindeutig jüdische Begriffe für die Wochentage, die sich um die Kennzeichnung des Sabbats drehen (Didache 8:1). Zudem ermutigt der Verfasser der Didache seine Leser ausdrücklich, so viel der Tora zu halten, wie sie können (Didache 6:2).
Angesichts all dessen ist es logisch anzunehmen, dass auch die Nachfolger des Messias aus den Heiden in Kolossä diese Gebote zur Zeit des Paulus befolgten.
Kapitel 2: Was sagt der griechische Grundtext von Kolosser 2,16?
Nachdem wir den historischen Kontext betrachtet haben, widmen wir uns dem griechischen Grundtext von Kolosser 2:16, um herauszufinden, was Paulus wirklich sagte.
Beginnen wir mit einer traditionellen Übersetzung von Kolosser 2,16-17 aus der Schlachter 2000:
„So lasst euch von niemand richten wegen Speise (βρῶσις) oder (ἤ / καί) Trank (πόσις) oder wegen bestimmter (ἐν μέρει) Feiertage oder Neumondfeste oder Sabbate, die doch nur ein Schatten der Dinge sind, die kommen sollen, wovon aber der Christus das Wesen hat."
Hinweis: Bitte behalte diese griechischen Begriffe im Hinterkopf, da wir im Folgenden genauer auf die Grammatik und die entscheidende Bedeutung dieser Wörter eingehen werden.
Viele Christen interpretieren dies so, dass niemand mehr an die „jüdischen Feste" gebunden ist. Ein Blick in den griechischen Grundtext offenbart jedoch wichtige Details.
„Und“ statt „Oder“
Ein zentraler Punkt ist das griechische Wort „καί“ (kai), das „und“ bedeutet. In vielen Bibelübersetzungen wird dieses Wort durch „ἤ“ (ēh), also „oder“, ersetzt. Dies widerspricht jedoch älteren Handschriften wie dem Papyrus 46 (ca. 145-225 n. Chr.) und dem Codex Vaticanus (ca. 325-350 n. Chr.), in denen eindeutig „καί“ (und) überliefert ist.
Die Begriffe „Speise oder Trank“ lassen sich genauer mit „Essen und Trinken“ (G1035 – βρῶσις, brosis, und G4213 - πόσις, posis) übersetzen. Diese Formulierungen bilden durch das „und“ eine zusammengehörige Kategorie. Eine präzisere Übersetzung verdeutlicht, dass es hier um Gewohnheiten wie Essen und Trinken geht, nicht um die Abschaffung der Gebote Gottes.
Eine präzisere Übersetzung
Der Begriff „ἐν μέρει“ (en meros) bedeutet „hinsichtlich eines Teils“ oder „in Bezug auf“. Das Wort „nur“, das in vielen Übersetzungen bei „die doch nur ein Schatten der Dinge sind“ steht, ist im griechischen Grundtext nicht enthalten. Daher sollte der Vers genauer so verstanden werden:
„Lasst euch von niemandem richten wegen Essen (βρῶσις) und (καί) Trinken (πόσις), ob in Bezug auf (ἐν μέρει) ein Fest, einen Neumond oder Sabbate, die ein Schatten der Dinge sind, die kommen sollen, wovon aber der Christus das Wesen hat.“
Die Feste Gottes sind ein Schatten künftiger Ereignisse, nicht etwas, das abgeschafft wurde. Besonders die Herbstfeste weisen prophetisch auf die Wiederkunft Jesu hin. Der wöchentliche Sabbat weist zudem auf das 1000-jährige Reich der Ruhe hin.
Die Kolosser hielten also die von Gott festgelegten Feiertage ein, doch ihre Kritiker, insbesondere Asketen, lehnten diese Feierlichkeiten ab. Paulus rät den Kolossern, sich nicht von der Kritik dieser Asketen beeinflussen zu lassen. Zusammengefasst zeigt Kolosser 2,16 nicht, dass der Sabbat oder die Festtage abgeschafft wurden. Vielmehr behandelt der Vers das Urteil über das Essen und Trinken während bestimmter Feierlichkeiten.
Kapitel 3: Die „Philosophie“ und die Irrlehrer in Kolossä
Welche Art von Irrlehre beeinflusste die Gemeinde in Kolossä? Sie wird als „Philosophie“ und „leerer Betrug“ beschrieben.
Historische Quellen wie der 4. Makkabäer oder Schriften von Philo zeigen, dass „Philosophie“ damals oft als eine Lebensweise verstanden wurde, die darauf abzielte, Selbstbeherrschung zu entwickeln und Leidenschaften zu kontrollieren. Doch Paulus nennt diese Philosophie in Kolossä „leeren Betrug“. Sie hält nicht, was sie verspricht. Paulus sagt, dass diese Philosophien „wertlos“ sind und zur Befriedigung des Fleisches dienen.
Verehrung kosmischer Mächte
Ein weiteres Problem ist, dass diese Lehre „den Elementen der Welt“ entspricht. Dies bezieht sich wahrscheinlich auf geistige Wesen, von denen man glaubte, sie hätten die Kontrolle über die Natur und den Kosmos. Es scheint, dass die Irrlehrer in Kolossä an kosmische Autoritäten und Engel glaubten, die sie verehrten und fürchteten. Dieser Aberglaube wurde mit religiösen Praktiken vermischt, was zu asketischen Ritualen führte (z.B. „Rühre das nicht an, koste jenes nicht“).
Ein historisches Beispiel für eine solche Vermischung ist die Lehre des Elchasai (ca. 100 n. Chr.), der jüdische Gesetzestreue mit astrologischen Überzeugungen verband. Paulus bekämpft diese Tendenz, indem er die Vorrangstellung des Messias verkündet.
Die Vorrangstellung des Messias
Paulus macht klar, wer wirklich das Sagen hat:
- Der Messias ist das Abbild des unsichtbaren Gottes.
- Durch ihn ist alles geschaffen, auch Throne, Herrschaften und Gewalten (Engelwesen).
- Er ist vor allem, und alles hat seinen Bestand in ihm.
- Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde.
Paulus wollte die Gläubigen warnen, sich nicht von mystischen Lehren und der Anbetung von Engeln verführen zu lassen, sondern allein auf den Messias zu schauen.
Kapitel 4: Hat Jesus das Gesetz ans Kreuz genagelt?
Welche Wirkung hatte der Tod des Messias? Hat er das Gesetz Gottes ungültig gemacht?
Das Werk des Messias hatte zur Folge, dass die geistlichen Mächte und Gewalten besiegt wurden (Kolosser 2,15). Paulus verwendet Metaphern wie den „Schuldschein“ (Kolosser 2,14). Einige haben fälschlicherweise angenommen, Paulus lehre, dass der Messias die Tora abgeschafft habe. Dies ist jedoch ein Missverständnis.
Der Schuldschein
Er hat auch euch, die ihr tot wart in den Übertretungen ... mit ihm lebendig gemacht, indem er euch alle Übertretungen vergab; und er hat die gegen uns gerichtete Schuldschrift ausgelöscht, die durch Satzungen uns entgegenstand, und hat sie aus dem Weg geschafft, in dem er sie ans Kreuz heftete.
Paulus betont, dass der Messias die gegen uns gerichteten Anschuldigungen und die Schuld, die uns von der Tora her belastete, durch seinen Tod am Kreuz getilgt hat. Die Tora selbst bleibt als göttliche Weisung bestehen, aber die Strafe des ewigen Todes für unsere Verfehlungen wurde durch den Messias getragen. Er hat nicht das Gesetz aufgehoben, sondern die Aufzeichnungen über unsere Übertretungen.
Ein Schatten der zukünftigen Dinge
Kommen wir zurück zu Kolosser 2,16-17. Paulus sagt, dass Gebote wie der Sabbat und die Feste als Schatten dienen, welches Dinge sind, die kommen sollen.
die doch (nur) ein Schatten der Dinge sind, die kommen sollen, wovon aber der Christus das Wesen hat.
Anmerkung: Das Wort „nur“ steht nicht im griechischen Grundtext. Durch das Hinzufügen dieses Wortes in vielen Übersetzungen wird die Aussage des Paulus oft negativ dargestellt, als seien die Feste etwas Minderwertiges, das wir hinter uns lassen sollten. Ohne das „nur“ wird die Aussage jedoch positiv und prophetisch: Die Feste sind ein wichtiger Schatten, der uns hilft, kommende Dinge zu verstehen und auf Christus zu blicken.
Beachte, dass Paulus sagt, dass diese Gebote ein Schatten der zukünftigen Dinge sind. Es weist also nicht nur auf Dinge, die bereits geschehen sind, hin. Diese Gebote dienen nicht nur dazu, an Jeschuas Sühnewerk zu erinnern, sondern sie weisen auch auf sein zukünftiges Werk hin, das am Ende des Zeitalters vollendet werden wird.
Paulus kritisiert lediglich eine falsche Auslegung und Einhaltung dieser Gebote im Zusammenhang mit mystischen Irrlehren. Wenn wir jedoch diese Teile der Tora in angemessener Weise befolgen und dabei unseren Fokus auf den Messias richten, gibt es keinen Widerspruch. Wenn wir die Substanz erkennen, auf die diese „Schatten“ hinweisen, sollten wir sie umso mehr schätzen!
Fazit
Ein kontextuelles Verständnis von Kolosser 2 zeigt, dass Paulus Elemente wie den Sabbat und die Feste keineswegs als unwichtig oder abgeschafft betrachtet. Er wehrt sich vielmehr gegen eine menschliche „Philosophie“ und asketische Irrlehren, die versuchten, den Gläubigen das Essen und Trinken an diesen Festtagen zu verbieten oder es an die Verehrung kosmischer Mächte zu knüpfen.
Es geht hier um ein Problem mit menschlichen Vorschriften und Lehren, nicht mit den Geboten Gottes selbst. Wenn wir die biblischen Feste und den Sabbat so halten, wie Gott es ursprünglich beabsichtigt hat – als Schatten, die auf die herrliche Zukunft mit dem Messias hinweisen –, dann ehren wir damit den, der die Substanz von allem ist: Jesus Christus.
Shalom und Gottes Segen!